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Frischer Wind auf dem Schrottplatz

  • Autorenbild: Corinne päper
    Corinne päper
  • vor 4 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Als Judith Maag das stagnierende Recyclingunternehmen Maag Recycling AG vor zehn Jahren in vierter Generation übernahm, war sie mit Krisen, Personalabgängen und globalen Marktumbrüchen konfrontiert. Warum sie trotzdem blieb und das Geschäftsmodell neu erfand. Dieser Beitrag erschien am 16. April 2026 auf WNTI.ch


Foto: Christopher Kurz
Foto: Christopher Kurz

«Zehn Jahre lang war kaum in das Unternehmen investiert worden», erinnert sich Judith Maag. «Es fehlte vor allem an neuen Ideen. Die damalige Geschäftsführung hat eher verwaltet als agiert.» Maag ist gerade einmal 29 Jahre alt, als sie den elterlichen Betrieb ­ die Maag Recycling AG ­ 2016 von einem externen Management übernimmt.

Dass der frische Wind, den sie mit sich bringt, nicht überall gut ankommt, zeigt sich kurz nach ihrem Antritt. Es kommt zum personellen Knall: «Der Werkstattchef, der Platzchef und eine wichtige Mitarbeiterin im Innendienst kündigten gleichzeitig», sagt Maag. Damit verliert sie innerhalb weniger Wochen zentrale Stützen. Es droht ein Knowhow-Verlust und der Betrieb gerät ins Wanken. «Ich überlegte, meinen Vater anzurufen und ihm zu sagen, dass ich es nicht schaffe», sagt Maag. Stattdessen analysierte sie gemeinsam mit ihrem Stellvertreter die Lage: Wer kann intern Verantwortung übernehmen? Wer ist bereit für den nächsten Karriere-Schritt? Maag führt Gespräche und verteilt Rollen. «So konnten wir die wichtigsten Positionen intern besetzen und mussten nur noch zwei Personen extern rekrutieren.»


Kaum ist diese Krise bewältigt, folgt schon die nächste. «Darauf war ich nicht vorbereitet», erzählt Maag. Etwa auf den plötzlichen Importstopp für Plastik, den China 2018 verhängte und der die Frage aufwirft, wohin Kunststoff überhaupt noch exportiert werden kann. Ausserdem erschweren massive Preisschwankungen von Rohstoffen wie Blei, Zink, Stahl und Aluminium am Weltmarkt die betriebswirtschaftliche Planung. Ein Beispiel? «Textilien», sagt Maag. «Früher konnten Organisationen, die Kleider sammeln, sortieren und verwerten, genügend bezahlen, um die notwendige Infrastruktur zu finanzieren.» Das habe sich geändert: «Die Qualität der Kleidung ist massiv gesunken. Wir konsumieren viel zu viel Minderwertiges.» Anders als bei Glas oder Elektrogeräten, gebe es bei Textilien keine vorgezogene Entsorgungsgebühr, um das Recycling zu finanzieren. «Der Aufwand für Sammlung und Logistik stand in keinem Verhältnis mehr zum Ertrag. Unsere Einnahmen lagen zuletzt praktisch bei null.» Eine Quersubvention sei nicht möglich. Seit Januar 2026 kostet die Abgabe von Textilien deshalb 50 Rappen pro Kilogramm bei einem Mindestbetrag von drei Franken.


Rund die Hälfte der wiedergewonnenen Rohstoffe exportiert die Maag Recycling AG ins Ausland. Abnehmer sind Stahlwerke, Alu- und Bleihütten oder Papier- und Kartonfabriken. Branchen, die in der Schweiz kaum mehr vertreten sind. Ein eher überraschender Absatzmarkt ist Indien. «Dort können wir viel Messing verkaufen ‒ allerdings über einen Händler, da uns die Marktkenntnis fehlt», sagt Maag. Recycling ist längst nicht mehr das einzige Standbein des Betriebs: Hinzu kommen Wohnungsräumungen, das Bewirtschaften von öffentlichen Sammelstellen und Beratungsmandate: «Wir unterstützen immer mehr Firmen bei der Kreislaufwirtschaft und helfen ihnen, Abfälle zu vermeiden und Reststoffe wiederzuverwerten», sagt Maag. Für die Recyclingbranche sei das ein Geschäft mit Zukunft, erfordere aber ein Umdenken: «Wir müssen unser Wissen nutzen, um die Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten und uns vom Image des Schrotthändlers lösen.»


Gewachsen ist das Unternehmen durch neue Geschäftsfelder und durch die Übernahme lokaler Betriebe, zuletzt eines Papier-Recyclingunternehmens, eines Autoverwerters und eines Transportunternehmens. Ein Erfolgsrezept, das sich auch in der wachsenden Belegschaft spiegelt, die zwischen 2016 und 2026 von 50 auf 80 anstieg. «Viele davon arbeiten jedoch Teilzeit», sagt Maag. Sie wertzuschätzen sei ihr wichtig: «Bis vor Kurzem habe ich alle Mitarbeitergespräche selbst geführt.» Auch sozial engagiert sich das Unternehmen und beschäftigt in der Elektronikabteilung mehrere Menschen mit Beeinträchtigungen. Dafür wurde Maag Recycling dieses Jahr für den This-Priis nominiert – eine Auszeichnung für Arbeitgebende, die Menschen mit physischen oder psychischen Einschränkungen berufliche Chancen bieten.


Mit dem Wachstum der Stadt Winterthur steigt der Druck auf freie Flächen. Das betrifft auch den Recyclingbetrieb. «Maag droht mit Wegzug», titelte kürzlich ein lokales Medium. «Das haben wir so nie gesagt», entgegnet Maag und lacht. «Wir halten an unserem Standort fest – auch weil es in Winterthur kein anderes geeignetes Industriegebiet mit Bahnanschluss gibt.» Klar sei aber: «Wenn wir weiterwachsen, braucht es bauliche Anpassungen.»


 
 
 

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