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PFAS im Boden, in der Luft und im Wasser. Und jetzt?

  • Autorenbild: Corinne päper
    Corinne päper
  • vor 7 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen

In Ausgabe 6 / 2026 des Magazin gplus von Jardin Suisse untersuchte ich, wie gross das Problem mit den Ewigkeitschemikalien in der Schweiz ist. Mittlerweile sind diese überall zu finden - selbst in entlegenem Bergtälern. Was Bund und Kantone tun.

PFAS sind mittlerweile in den Böden der entlegendsten Bergtäler zu finden.


Sie sind überall: in der Luft, im Wasser und nun auch im Boden. Die sogenannten Ewigkeitschemikalien (Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen/PFAS) reichern sich immer mehr in der Umwelt an. Sie sind fett-, wasser- und schmutzabweisend, äusserst beständig und kommen in Feuerlöschschäumen sowie in Textilien, Möbeln, Reinigungsmitteln und Verpackungen vor. Auch im Feld- und Gemüseanbau, im Obst- und Weinbau sowie bei Zierpflanzen werden häufig PFAS-haltige Produkte eingesetzt. Etwa Herbizide, Fungizide oder einzelne Insektizide.


33 Tonnen pro Jahr

Das geht aus dem Bericht des Bundesrats zur Motion Moser hervor. Darin wird auch erwähnt, dass in der Schweiz zwischen 2019 und 2023 jährlich rund 33 Tonnen jener Stoffe verkauft wurden, die auch im Gartenbereich verwendet werden. Bauen sie sich ab, bildet sich die mobile und beständige Trifluoressigsäure (TFA), die ebenfalls zu den PFAS gehört und vor allem über den Regen in den Boden und ins Grundwasser gelangt. Gemäss Angaben auf der Website des Bundesamts für Umwelt (Bafu) sind TFA im Grundwasser mittlerweile in der ganzen Schweiz nachweisbar und gelten als eine der verbreitetsten künstlichen Chemikalien.


Nicht nur das Grundwasser, auch die oberen Bodenschichten sind schweizweit zunehmend mit PFAS belastet. Das zeigt eine Untersuchung des Instituts für Umwelt und Natürliche Ressourcen der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) und Agroscope anhand von 146 Oberbodenproben1. Selbst an alpinen Standorten wurden PFAS nachgewiesen. Ob und wie Pflanzen diese Stoffe aufnehmen, ist dagegen noch nicht ausreichend erforscht. In einem Feldversuch in Baden-Württemberg (D) wurden PFAS im gesamten angebauten Weizen nachgewiesen, beim Mais vermehrt im Blattanteil und weniger in den Maiskörnern. Eine andere Studie legte den Fokus auf die Hausgärten2. Sie zeigte auf, dass sich PFAS in einjährigen Pflanzen stärker anreichern als in mehrjährigen Pflanzen. Die höchsten Konzentrationen fanden sich im Gemüse und in Walnüssen.


Doch wie viel ist zu viel im Boden? In der Schweiz werden Grenzwerte für PFAS-belastete Böden, (Industrie)-Standorte oder Aushubmaterialien derzeit fallweise kantonal festgelegt. Geregelt wird dies beispielsweise über die Abfallverordnung (VVEA), die Verordnung über die Belastungen des Bodens (VBBo) oder die Altlastenverordnung (AltV). Für Trinkwasser und Lebensmittel liegen hingegen schweizweit geltende PFAS-Grenzwerte vor, etwa für Rindfleisch, Geflügel und Eier, wie ein Merkblatt von Bio Suisse aufzeigt.


Die Politik wird aktiv

Derzeit laufen einige politische Vorstösse zur PFAS-Thematik, beispielweise das Postulat der Ständerätin Tiana Moser (GLP/ ZH) «Belastung von Mensch und Umwelt durch langlebige Chemikalien». Der Bundesrat reagierte im vergangenen Dezember mit einem Bericht auf den Vorstoss und stellte eine Auslegeordnung zur PFAS-Situation in der Schweiz zusammen3. Bis Ende 2027 wird das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) darauf basierend einen Aktionsplan ausarbeiten und diesen dem Bundesrat vorlegen. Die Motion der Ständerätin Marianne Maret (Die Mitte/VS), die unter anderem konkrete Richt-, Prüf- und Sanierungswerte für PFAS in Böden verlangt, wird derzeit bearbeitet. Die Vernehmlassung zu den entsprechenden PFAS-Werten soll im zweiten Halbjahr 2026 erfolgen.


Sind die Richt-, Prüf- und Sanierungswerte von PFAS in Böden einmal definiert und in der Verordnung über Belastungen des Bodens (VBBo) festgehalten, kann die landwirtschaftliche Nutzung bei einer Überschreitung eingeschränkt oder verboten werden. Das gilt auch für produzierende Gärtnereien. Ziergärtnereien dagegen könnten gemäss Daniela Mangiarratti, Mediensprecherin des Bafu, bis zum «Sanierungswert» produzieren, «da Zierpflanzen die Gesundheit von Mensch und Tier nicht gefährden». Würde dieser Wert jedoch überschritten, sind auch hier Sanierungsmassnahmen notwendig. Bis klar definierte Vorgaben in der VBBo vorliegen, können die Kantone mit Zustimmung des BAFU in Einzelfällen aber eigene Werte bestimmen.


Boden auf PFAS untersuchen

Die Bodenqualität in der Schweiz wird mit dem Langzeit-Monitoring-Programm «Nationale Bodenbeobachtung» (Nabo) seit 1985 überwacht. Dazu werden alle fünf Jahre Bodenproben an rund 120 Standorten im ganzen Land entnommen. 2026 werden PFAS dabei erstmals berücksichtigt. Doch worauf ist dabei zu achten? «PFAS lagern sich vor allem an organischem Material an», sagt Christian Hönig vom Ingenieurbüro Ingenias AG. «Daher ist in den humosen Schichten des Oberbodens bis in eine Tiefe von ungefähr zwanzig Zentimetern meist mit den höchsten Belastungen zu rechnen.» Bodenproben können im Labor mit chemischen Methoden analysiert werden, ergänzt Marion Junghans vom Oekotoxzentrum Schweiz. Mit deren Standard-Angeboten liessen sich bis zu 35 verschiedene PFAS nachweisen. Doch das ist nur ein Bruchteil aller Ewigkeitschemikalien: Laut Merkblatt “Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen in der Umwelt” des Oekotoxzentrums existieren aktuell mehr als 4700 davon. 


Besonders belastete Böden finden sich auf alten Deponien, bei Löschübungsplätzen oder dort, wo früher belasteter Klärschlamm als Düngemittel in der Landwirtschaft eingesetzt wurde, sagt Daniela Mangiarratti vom BAFU. Es hängt hauptsächlich von der früheren Nutzung ab, ob es sich um flächige Belastungen- etwa durch Klärschlamm -  oder nur um eine punktuelle Verschmutzung handelt. Ein Beispiel für Letzteres: Stand an einem Ort vormals ein Gebäude mit einem Tauchbecken mit PFAS-haltigen Stoffen, so Hönig, könne man von einer eher punktuellen Belastung ausgehen. Für flächige wie auch punktuelle Verschmutzungen haften gemäss Mangiarratti die Verursacher oder Grundstücksbesitzer. Gerade bei grossflächigen Verschmutzungen können die verantwortlichen Personen jedoch nicht immer ermittelt werden. «Dann trägt der Grundeigentümer die Kosten einer allfälligen Sanierung.»


Um abgetragenen Boden von PFAS zu befreien, wird das Bodenmaterial in einer Bodenwaschanlage behandelt. Dabei wird der grobe mineralische Anteil vom feinen, höher belasteten organischen Anteil getrennt. Danach wird der saubere Teil anderweitig verwendet - beispielsweise als Kies oder Sand. «Ein funktionierender Boden ist das aber nicht mehr», sagt Mangiarratti. Wo der Boden zur Reinigung entfernt wurde, braucht es neuen Humus. «Müsste man das mit allen PFAS-belasteten Flächen machen, wäre sehr schnell klar, dass es überhaupt nicht so viel Ersatzboden gibt», ergänzt Hönig. «Daher ist der Bodenaustausch in grossem Stil unpraktikabel, sehr teuer und letztlich auch unrealistisch.» Ein weiteres Problem: Das beim Waschen verwendete Wasser enthält weiterhin PFAS. Diese können jedoch mit Aktivkohle aus dem Waschwasser entfernt werden, ergänzt Daniel Vollprecht, der an der Universität Augsburg am Institut für Materials Resource Management forscht. «Am Ende bleibt nichts Schädliches mehr übrig.» Und auch die Aktivkohle sei nicht verloren: «Sie kann wiederholt genutzt werden.»


1 Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) in Schweizer Böden, Basilius Thalmann, Christoph Hofer, Daniel Wächter, Beatrice Kulli, ZHAW 2 Per- and polyfluoroalkyl substances (PFAS) in homegrown crops: Accumulation and human risk assessment, Robin Lasters, Thimo Groffen, Marcel Eens, Lieven Bervoets 3 Bericht des Bundesrats zur Motion Moser


 
 
 

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