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Visionär mit Taktgefühl - das Heinrich Moser Museum in Schaffhausen

  • Autorenbild: Corinne päper
    Corinne päper
  • 10. Juli
  • 6 Min. Lesezeit

Heinrich Moser machte aus der Werkbank seines Vaters den Ausgangspunkt einer erstaunlichen Karriere. Der Schaffhauser Uhrmacher baute in Russland ein florierendes Geschäft auf und kehrte später als wohlhabender Unternehmer an den Rhein zurück. Dort setzte er wirtschaftliche Impulse, die das Stadtbild von Schaffhausen bis heute prägen. Das Moser Familienmuseum  erinnert an sein bewegtes Leben. Der Text erschien in 50Plus, dem Magazin von Kurt Aeschbacher, Ausgabe Juli/August 2026.


Schloss Charlottenfels in Neuhausen, bei Schaffhausen

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Text: Corinne Päper


Der Hausherr ist nicht weit weg.” Dieser Gedanke stellt sich fast automatisch ein, wenn man die ehemaligen Wohngemächer Heinrich Mosers im Schloss Charlottenfels betritt. Gleich beim Eingang liegen Handschuhe und Spazierstock auf einem Kabinett. Die Szene ist bewusst arrangiert. Ebenso die anderen Darstellungen  in Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Kontor, Uhrmacherkabinett und Reisezimmer. Das Konzept geht auf: die Lebenswelt einer wohlhabenden Uhrmacher-Familie aus dem 19. Jahrhundert ist deutlich spürbar. Vieles ist nicht original, doch einige  Stücke stammen noch aus Familienbesitz. “Etwa die Möbel und die Teppiche im Familienzimmer”, erklärt die Kuratorin des Museums Mandy Ranneberg der siebenköpfigen Gruppe an der letzten Führung vor der dreimonatigen Sanierung. Bald wird hier gebohrt, gehämmert und gestrichen. Erst im August ist das Moser Familienmuseum in neuem Glanz wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.


Ein Blick aus dem Fenster des “Familienzimmers” genügt, um das Wirken Heinrich Mosers zu erahnen. Noch heute prägt “sein” Wasserkraftwerk das Stadtbild von Schaffhausen. Doch damit ist über Moser längst nicht alles gesagt. Das zwölfte Kind eines Stadt-Uhrmachers wird am 12. Dezember 1805 in Schaffhausen geboren. Mit achtzehn Jahren absolviert der jugendliche Moser eine Uhrmacherlehre in der Werkstatt seines Vaters. Seine Ausbildung vervollständigte er später bei mehreren Uhrmachern in der Westschweiz. Noch deutet nichts darauf hin, dass Moser in Russland ein Imperium aufbauen, in Le Locle eine Fabrik einrichten und Uhren mit der Gravur H.Moser & Cie in alle Welt exportieren würde. Ebenso wenig, dass die russische Oberschicht zu seiner Stammkundschaft zählen wird, er die SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) mitbegründet oder am Rhein ein Wasserkraftwerk bauen lässt.  


Zunächst verfolgt der 21-Jährige jedoch ganz andere Pläne: Er will 1826 nach Italien auswandern und dort Uhren aller Art herstellen und verkaufen. Die Empfehlungsschreiben sind bereits verfasst und die italienische Verwandtschaft informiert. Doch als sich die Wirtschaft in Europa eintrübt, ändert Heinrich Moser seine Strategie. Er wittert in Russland bessere Einkommenschancen und reist deshalb nach St. Petersburg, einer Stadt, in der bereits viele Schweizer und deutsche Auswanderer leben. Kurz nach seiner Ankunft tritt Moser in die Dienste eines deutschen Uhrmachers. Dort bleibt er aber nicht lange: 1828 gründet er mit geliehenem Geld die Handelsfirma H. Moser & Cie und vertreibt fortan Uhren aller Art. Nicht nur Reiche, auch wenig Bemittelte sollen sich diese leisten können. So finden sich in seinem St. Petersburger Laden neben Kamin-, Bilder- und Taschenuhren aller Kaufklassen auch teure Sonderanfertigungen wie eine 15 Millimeter grosse Taschenuhr. 


Der Aufbau seines Unternehmens bedeutet für Moser zunächst vor allem, durchzuhalten und Beziehungen aufzubauen. Das scheint ihm fast mühelos zu gelingen. Bald folgt eine Produktionsstätte im westschweizerischen Le Locle, die dem aufstrebenden Betrieb die nötigen Uhren liefert. Viele Teile werden dort hergestellt, aber nicht alle, sagt Ranneberg: “Heinrich Moser war ein Handelsmann. Er kaufte auch Halbfabrikate und verbaute diese in seinen Uhren. Nicht überall, wo H.Moser & Cie draufsteht, ist auch sein Uhrwerk drin.” So auch nicht in der schwarzen Kaminuhr mit den grünen Malachit-Einlagerungen, vor der wir gerade im “Familienzimmerr” stehen. Wie viele Mitarbeitende Moser beschäftigte und wie viele Uhren er verkaufte, bleibt im Dunkeln. Zwar kursieren im Netz Zahlen von 500 Mitarbeitenden und 500’000 verkauften Uhren, doch diese Angaben sind nicht belegt, denn die Geschäftsunterlagen sind verschwunden. In einem Brief von 1870 erwähnt Heinrich Moser lediglich fünfzig Angestellte in Russland und in der Schweiz. Eine Erklärung für diese Differenz? Möglicherweise sind mit den 500 Arbeitnehmenden auch jene mitgemeint, die in Heimarbeit Teile von Uhren zusammensteckten, die in Mosers Fabrik in Le Locle fertiggestellt wurden.


Erwachender Familienwunsch

Mit dem Erfolg wächst Mosers Wunsch nach einer eigenen Familie. Schon bald lernt er Charlotte Mayu, die Schwester eines guten Freundes, in St. Petersburg kennen. Die beiden heiraten 1831. Die Verbindung erweist sich als  glücklich und hält bis zum tragischen Unfalltod Charlottes im Juli 1850. Wir stehen nun im sogenannten Familienzimmer. “Das sind Heinrich und Charlotte Mosers Kinder”, sagt die Kuratorin und deutet auf die Ölporträts und einige verblichene Fotografien an der Wand. “Charlotte, Emma, Henriette, Sophie und Henri.” Heinrich Moser ist ein fürsorglicher Vater: Es existieren hunderte von Briefen, in denen er sich über die Jahre hinweg mit seinen Kindern austauscht. Auch die Nachkommen aus Mosers zweiter Ehe, die Töchter Fanny und Mentona, sind präsent. Eine ganze Generation trennt die Geschwister aus erster und zweiter Ehe, die einander nie richtig kennenlernen. 


Doch zurück zu Heinrich Moser: 1848 reist er mit seiner Familie nach Schaffhausen - wenige Monate, nachdem der Sonderbundskrieg endet. Noch ist das Schloss Charlottenfels nicht gebaut, doch das Grundstück befindet sich bereits in Mosers Besitz. Zunächst kommt die siebenköpfige Familie in einem Provisorium, dem sogenannten Siegrist-Haus, unter. Erst sechs Jahre später ist das neue, dreistöckige Wohnhaus bezugsbereit. Dass sich Moser nun endgültig in der Schweiz niederlässt und viel weniger unterwegs ist, hat gute Gründe: Seine Geschäfte in Russland und in Le Locle laufen mittlerweile auch ohne ihn. Er hat für geeignete Stellvertreter gesorgt, denen er viel unternehmerischen Spielraum gewährt.


Moser ist ein Unternehmer mit sozialer Ader. Er fordert und fördert. Eine erste Gelegenheit dazu ergibt sich am Rheinufer in Schaffhausen, wo mehrere  leerstehende Fabrikgebäude stehen, deren Besitzer die Produktion in Schaffhausen aufgegeben haben. Moser erkennt das Problem: Es fehlt an Energie. Er beschafft eine Turbine, ersetzt damit die wenig effizienten Wasserräder und überzeugt Unternehmer, sich am Rhein niederzulassen. Zudem beteiligt er sich 1853 an der Gründung der Waggonfabrik, der späteren SIG (Schweizerische Industrie Gesellschaft) und widmet sich dem Bau des damals grössten Wasserkraftwerks der Schweiz, den nach ihm benannten Moserdamm. 


Ausser Rand und Band 

Heinrich Moser hat verschiedene Geschäftsführer, doch keinen Nachfolger. Zwar soll Sohn Henri in seine Fussstapfen treten, doch diese Hoffnung zerbricht: Henri entwendet wiederholt Geld aus der Firmenkasse, um Parties zu feiern und missachtet verschiedene Aufträge wie die Auslieferung von Uhren. Genug ist genug: Heinrich Moser entlässt seinen Sohn. Als Henri später versucht, seinen Vater bei dessen Russlandgeschäften zu hintergehen, ist für Heinrich Moser endgültig klar: Sein Sohn kommt als Nachfolger nicht mehr in Frage.


Dennoch ist Henri auf Charlottenfels ein eigenes Zimmer gewidmet. Es ist voller Gegenstände, die er von seinen Reisen mitbrachte. Etwa ein ausgestopfter Falke, schwere, dunkle Möbel und eine verzierte Teekanne aus Metall.. “Henri verstand es, sich zu vermarkten”, sagt Ranneberg. “Er organisierte Ausstellungen, hielt Vorträge und veröffentlichte Artikel über seine Reisen. Dadurch machte er sich einen Namen.” So kommt er zu einer speziellen Aufgabe: Er wird Botschafter des österreich-ungarischen Handelsmuseums, fördert den Tourismus in Bosnien und Herzegowina und vertritt diese Regionen an zwei Weltausstellungen.


Während Henri nach dem Zerwürfnis mit seinem Vater ausgedehnte Reisen nach Zentralasien unternimmt und Mosers Töchter aus erster Ehe längst verheiratet sind, beginnt für Heinrich Moser ein neuer Lebensabschnitt: 1870 heiratet er die Winterthurerin Fanny von Sulzer-Wart. Er ist 65 Jahre alt, sie Anfang Zwanzig. Der Nachwuchs lässt nicht lange auf sich warten: 1872 kommt Tochter Fanny zur Welt, zwei Jahre später – am 19. Oktober – eine weitere, Mentona. Das Familienglück währt jedoch nur kurz. Vier Tage nach Mentonas Geburt stirbt Heinrich Moser im Alter von 68 Jahren an einem Herzinfarkt.


Fanny Moser erbt das russische Handelsgeschäft mit der Uhrenfabrik in Le Locle und verkauft das Unternehmen Ende des 19. Jahrhunderts an einen der Geschäftsführer. Während die Fabrik in der Schweiz bis 1979 eigenständig bleibt, endet der russische Betrieb 1917 mit der Revolution. Auch Charlottenfels kommt in fremde Hände. Das Anwesen, das Heinrich Moser zu Lebzeiten seiner ersten Frau Charlotte überschrieb, gelangte nach deren Tod an die fünf gemeinsamen Kinder. Zwar hat Heinrich ein lebenslanges Wohnrecht, nicht jedoch seine zweite Frau und die Töchter Fanny und Mentona. 1889 veräusserte die Erbengemeinschaft Charlottenfels. Danach ändern sich die Besitzverhältnisse mehrfach, bevor Henri Moser das Anwesen 1906 aus eigener Tasche zurückkauft. 1919 vermacht er es dem Kanton Schaffhausen mit dem Zweck, dort eine Landwirtschaftsschule einzurichten. Seine umfangreiche orientalische Sammlung schenkt er hingegen dem Historischen Museum in Bern. “Dort sind heute noch Teile davon zu sehen”, sagt Ranneberg. Die Geschichte der Familie ist damit aber noch nicht zu Ende: Seit 2005 produziert die Firma Moser Schaffhausen AG wieder Uhren unter der Marke «H. Moser & Cie.» Ausserdem publizierte Heinrich Mosers Urenkel Roger Nicholas Balsiger ein Buch über seinen Vorfahren. Damit schliesst sich der Kreis und auch die Führung endet - mit grossem Applaus.




 
 
 

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