Wurzelnackt

Wurzelnackte Stauden sollen schneller ein Wurzelsystem aufbauen und Trockenperioden deshalb besser überstehen als Topfpflanzen. Ein Praxisprojekt aus Österreich zeigt vielversprechende Ergebnisse, macht aber auch deutlich, dass die aus Schweden stammende Methode an mitteleuropäische Verhältnisse angepasst werden muss. Dieser Artikel erschien in Ausgabe 15/16 von dergartenbau.

Viele Pflanzen kommen mit den heissen Sommermonaten, der anhaltenden Trockenheit und plötzlichen Gewittern immer schwerer klar. In den Gärtnereien wird deshalb zunehmend mit neuen Anbaumethoden experimentiert. Beispielsweise mit dem Pflanzen
wurzelnackter Stauden. Ein vielversprechender Ansatz, den die österreichische Landschaftsplanerin und -gärtnerin Michaela Köpl aktuell im Pilotprojekt «Linz blüht auf – ganz ohne Giessen» testet.
In Schweden hat sich die wurzelnackte Pflanzmethode bereits bewährt. Der schwedische Staudengärtner Peter Korn, der für seine Pionier-Arbeit 2025 mit dem Europäischen Gartenpreis geehrt wurde, kultiviert seit Jahren wurzelnackte Stauden in seiner Gärtnerei
bei Malmö und pflanzt sie bei Gestaltungsprojekten direkt in den Sand. Dazuwird die Erde von den Wurzeln abgeschüttelt und Wurzeln mit Wasser ausgewaschen, bis diese frei von Erde und damit wurzelnackt sind. Danach wird das Gewächs in eine Sandmulchschicht
gepflanzt. Nach dem Setzen wird einmal gründlich gegossen und anschliessend
nur noch – wenn notwendig – während der sechswöchigen Anwachsphase.
Dann kommt die Pflanze ohne Bewässerung aus. Durch die wurzelnackte An-
pflanzung soll sich die Pflanze Wasser und Nährstoffe möglichst rasch selbst erschliessen und ihre Wurzeln in Bodenbereiche wachsen lassen, in denengünstige Bedingungen herrschen. So wird sie widerstandsfähiger gegenüber Hitze und Trockenheit. Da die Wurzeln direkten Kontakt mit dem Boden haben, können sie sich unmittelbar im umge-
benden Boden entwickeln. Sie werden deshalb auch eher von Mykorrhiza-Pil-
zen besiedelt, die ihre Pilzfäden zu den Wurzeln wachsen lassen und der Pflan-
ze Wasser sowie Nährstoffe aus einem grösseren Bodenvolumen zugänglich machen. Von der Pilzbesiedelung profitieren laut verschiedener Studien eher langlebige, konkurrenzstarke und stressverträgliche Stauden als kurzlebige Pionierarten. Ob die wurzelnackte Pflanzung diese verstärkt, wurde wissenschaftlich jedoch noch nicht unter-
sucht. Die bei der wurzelnackten Pflanzung aufgebrachte Mulchschicht schützt den Boden zudem vor zusätzlicher Austrocknung und hilft, die Feuchtigkeit länger zu speichern. Gleichzeitig unterdrückt sie das Wachstum von Unkraut.
Im Gegensatz zur wurzelnackten Pflanze muss eine eingetopfte Staude mehr
Widerstände überwinden, weil sie erst aus dem Topfballen herauswachsen muss, sich ihre Wurzeln im Topf verfilzt haben oder sie Drehwurzeln gebildet hat. Zwar kann der Wurzelballen einer stark durchwurzelten Topfpflanze aufgeraut werden, doch die Wurzeln bleiben mit dem Kultursubstrat verbunden.Bis die Wurzeln einer Topfpflanze in den umgebenden Boden hineingewachsen sind, muss zudem gewässert werden.
Schweden liegt nicht in Mitteleuropa
Was im hohen Norden entwickelt wurde, passt nicht unbedingt nach Mitteleuropa, denn die Böden in Schweden bestehen grösstenteils aus Sand, Kies und Steinen, in Mitteleuropa überwiegen hingegen Böden aus Lehm und Ton. «Die wurzelnackte Pflanzmethode muss zu den hiesigen Bedingungen passen», betont Köpl. Dafür wurden im Norden der Stadt Linz auf einer sonnigen und halbschattigen Fläche von rund 100 m2 700 wurzelnackte Pflanzen gesetzt. Auf drei Vierteln der Fläche wurden die Gewächse in eine Quarzsandmulchschicht gepflanzt, auf dem verbleibenden Viertel in den Boden, der anschliessend organisch gemulcht wurde. Rund 40 verschiedene Arten – von flach über tiefwurzelnden bis hin zu rhizombildenden Gewächsen – fanden dort ihren Platz.
Darunter auch Wildpflanzen wie Bergminze (Calamintha nepeta) oder Kartäu-
sernelke (Dianthus carthusianorum).
Dazu befreiten zwischen März und Mai über 100 Teilnehmende Topfpflanzen in
Mitmach-Workshops vom Kultursubstrat. Der Grund? «Es gab keine Gärtnerei,
die so viele wurzelnackte Pflanzen gleichzeitig liefern konnte.»
Wurzelnackt ja – aber angepasst
Die aus Schweden stammende Pflanzmethode auf mitteleuropäische Verhält-
nisse zu adaptieren, heisst für Köpl vor allem, standortgerechte Pflanzen auszuwählen. Für lehmige Böden etwa Wiesen-Witwenblumen (Knautia arvensis), Mazedonische Witwenblumen (Knautia macedonica), Heilziest (Stachys officinalis), Tauben-Skabiose (Scabiosa columbaria), Flockenblumen (Centaurea jacea und scabiosa), Schafgarben (Achillea millefolium), Steppensalbei (Salvia nemorosa) oder Schwarze Königskerzen
(Verbascum nigrum). Hinzu kämen weitere Massnahmen: «Wurzelnackte Pflanzen sind während der sechswöchigen Anwachsphase bei anhaltender Trockenheit und Hitze besonders anfällig für Stresssymptome. Ist eine Beschattung nicht möglich, kann punktuell bewässert werden.» Ausserdem sollte vor allem im Frühjahr oder Herbst gepflanzt
werden. «Dann können die Gewächse leichter ein besonders kräftiges Wurzel-
system aufbauen.»
Trotz anhaltender Hitze und Dürre seit der Pflanzung im Mai fällt die Zwischen-
bilanz des Projekts «Linz blüht auf –ganz ohne Giessen» weitgehend positiv aus: «Rund 99 % der gepflanzten Stauden haben trotz des fehlenden Nieder- schlags überlebt», sagt Michaela Köpl.«Seit Anfang Mai haben wir nicht mehr gewässert. Seither kommen die Pflanzen nur mit Regenwasser aus.» Dabei habe es deutliche Unterschiede zwi-
schen den Arten gegeben: «Steppensalbei (Salvia nemorosa) zeigte trotz meh-
rerer Hitzetage und anhaltender Dürre keinen Trockenstress. Echter Lavendel
(Lavandula angustifolia), Pfingstnelken (Dianthus gratianopolitanus) oder Herbst-
Blaugras (Sesleria autumnalis) hingegen sehr wohl. Einzelne Lavandula und Sesleria sind zudem vertrocknet.» Der Pflegeaufwand der 100 m2 grossen Fläche bleibt für Köpl trotz aller klimatischen Umstände erstaunlich gering: «Wöchentlich fallen nur ein bis zwei Arbeitsstunden an.» Die Arbeit beschränke sich vor allem auf den Rückschnitt verblüh-
ter Arten und das Entfernen einzelner Beikräuter. «Weitere Pflegemassnahmen sind nicht erforderlich.»
Grosses Verkaufspotenzial
Wurzelnackte Pflanzen hätten im Garten- und Landschaftsbau bei entsprechender Nachfrage vermutlich ein kommerzielles Potenzial, sagt Köpl. «Sie könnten künftig ähnlich wie wurzelnackte Gehölze produziert werden, indem das Kultursubstrat für wurzel-
nackte Pflanzen entfernt wird.» Dieser Arbeitsschritt koste jedoch Zeit. «Man braucht etwa fünf Minuten für jede Pflanze.» Wichtig sei, sie komplett von Torf zu befreien. «Pflanzt man ein ungenügend gereinigtes Gewächs mit Torfresten in den Sand, zieht der Torf das Wasser an sich und lässt es nur schwer los. Dann können die Pflanzenwurzeln durch Staunässe nach einem Regenguss verfaulen.» Einfacher als das mühsame Befreien der Topfpflanzen sei es deshalb, wurzelnackte Ge- wächse direkt in Sandbeeten zu kulti-
vieren. Das habe den Vorteil, dass diese kurzfristig für Bepflanzungen entnom-
men werden könnten, ohne dass sie gekühlt oder feucht gelagert werden
müssten, um sie vor dem Vertrocknen zu bewahren.



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